Segeln bei Sonnenuntergang - die ruhigen Momente, in denen das richtige Alarmmanagement am meisten zählt

Wenn alles piept,
zählt nichts mehr

Wie die Berufsschifffahrt erkannte, dass weniger Alarme mehr Leben retten – und was Freizeitsegler aus Forschungsarbeit im Wert von Milliarden mitnehmen können.

Die Organisation, die jeden Unfall untersucht

Läuft ein Handelsschiff auf Grund, kommt es zu einer Kollision oder sinkt es, bleibt das nicht einfach eine tragische Geschichte, die mit der Zeit verblasst. Die Internationale Seeschifffahrts-Organisation – die für die Sicherheit der Schifffahrt zuständige Behörde der Vereinten Nationen – sorgt dafür, dass jeder bedeutende Vorfall untersucht, dokumentiert und analysiert wird. Die Erkenntnisse fließen in eine weltweite Wissensbasis ein, die künftige Vorschriften prägt.

In der Freizeitschifffahrt sieht das ganz anders aus. Verschwindet eine Segelyacht oder kentert ein Motorboot, endet die Untersuchung oft bei den nackten Fakten: Wetterlage, mutmaßliche Ursache, Akte geschlossen. Es gibt kein weltweites Gremium, das Muster erfasst, keine systematische Analyse, welche Ausrüstung das Unglück hätte verhindern können, keine Pflicht, gewonnene Erkenntnisse in künftige Bootskonstruktionen einfließen zu lassen.

Die Akribie der Berufsschifffahrt bei der Untersuchung hat sich außerordentlich ausgezahlt. Obwohl die Welthandelsflotte massiv gewachsen und die Schiffe enorm komplexer geworden sind, ist die Zahl schwerer Unfälle seit 2000 um mehr als 50 % gesunken. Diese Verbesserung kam nicht von ungefähr – sie ist das Ergebnis genauer Unfallanalyse.

Das Problem, das sie entdeckten: Alarm-Chaos

Als die Ermittler in den 1990er- und 2000er-Jahren Vorfall um Vorfall durchleuchteten, zeigte sich ein beunruhigendes Muster. Auf dem Papier wurden die Schiffe sicherer – mehr Sensoren, mehr Überwachung, mehr Redundanz – und trotzdem überhörten die Offiziere weiterhin entscheidende Warnungen. Schuld waren weder fehlerhafte Technik noch schlecht ausgebildete Besatzungen. Schuld war der Lärm.

Eine Studie von Lloyd’s Register aus dem Jahr 2024 belegte, was die Ermittler in den Unfallberichten längst gesehen hatten: Auf einer durchschnittlichen Handelsschiffbrücke gehen heute 74 Alarme pro Stunde ein. In den Maschinenräumen war es noch schlimmer – Spitzenwerte von 22.500 Alarmen pro Tag während des Hafenbetriebs. Eine solche Menge an Meldungen kann das menschliche Gehirn schlicht nicht verarbeiten. Die Offiziere taten, was jeder Mensch tun würde: Sie blendeten die Alarme aus.

Als der Frachter BBC Marmara 2021 vor Eilean Trodday, im Nordwesten Schottlands, auf Grund lief, ertönte der Kursabweichungsalarm der Brücke fünfzehn Mal, bevor jemand den Kurs korrigierte. Der einzige Wachhabende war eingeschlafen; das Schiff lief mit elf Knoten auf die Felsen.

– UK Marine Accident Investigation Branch, Bericht 8/2023

Der Fall der Karen Danielsen aus dem Jahr 2005 ist eine noch eindringlichere Warnung. Der Frachter rammte in den frühen Morgenstunden die Großer-Belt-Brücke in Dänemark, nachdem der Erste Offizier allein auf der Brücke am Ruder eingeschlafen war; er kam bei dem Zusammenstoß ums Leben. Die Lehre betraf nicht einen Alarm unter vielen, sondern die Verletzlichkeit eines einzelnen Wachhabenden ohne Rückhalt: Wenn der Einzige, der wacht, aufhört zu wachen, hört an Bord niemand sonst mehr hin.

Die elegante Lösung: manche Alarme schweigen lassen

Die Antwort der IMO, in jahrelanger Forschung und Debatte erarbeitet, war auf den ersten Blick widersinnig: Schiffe werden nicht durch mehr Alarme sicherer, sondern durch weniger. 2010 verabschiedete sie die Resolution MSC.302(87), bekannt als die Richtlinien zum Bridge Alert Management – kurz BAM.

Die Stärke von BAM liegt in seiner Einfachheit. Statt jeden Sensorwert für gleich dringend zu halten, teilt das System Meldungen in vier klar getrennte Stufen ein:

Notfall

Unmittelbare Gefahr für Menschenleben oder Schiff. Laut, eindringlich, unmöglich zu überhören. Etwa: Feuer, Wassereinbruch, Mann über Bord.

Alarm

Zustände, die sofortige Aufmerksamkeit erfordern, aber keine unmittelbare Gefahr darstellen. Eigenständiges Tonmuster. Muss quittiert werden.

Warnung

Zustände, die Aufmerksamkeit erfordern, aber nicht sofort. Leiserer Ton, kann nach dem Quittieren stummgeschaltet werden.

Hinweis

Zustände, die zur Kenntnis genommen werden sollten. Nur optische Anzeige – überhaupt kein Ton. Die Crew soll Bescheid wissen, muss dabei aber nicht unterbrochen werden.

Gerade diese letzte Kategorie – die lautlosen Hinweise – war revolutionär. Jahrzehntelang galt in der Schiffssicherheit der Reflex: „Was es wert ist, überwacht zu werden, ist es auch wert, einen Alarm auszulösen.” BAM sagte: falsch. Manche Dinge müssen angezeigt werden, sollten aber niemals einen Ton von sich geben. Die Bilgenpumpe, die routinemäßig Wasser abpumpt? Ein Kraftstofftank bei 30 % Füllstand? Das sind Hinweise. Anzeigen – aber nicht piepen.

Zentrale Intelligenz: das CAM-System

BAM führte außerdem das Konzept des Central Alert Management ein – ein einziges System, das alle Meldungen an Bord koordiniert. Vor CAM brüllte das Radar womöglich wegen eines nahen Kontakts, während der Maschinenraum wegen einer Temperaturspitze Aufmerksamkeit forderte und die Feueranlage gerade einen Selbsttest durchführte. Jedes System schrie für sich allein – und schuf Chaos.

Mit CAM laufen alle Meldungen über eine intelligente Zentrale. Sie weiß, was überall auf dem Schiff geschieht. Treten mehrere Zustände gleichzeitig auf, präsentiert sie diese in der Reihenfolge ihrer Priorität. Quittiert ein Offizier einen Alarm, gilt das auf allen Anzeigen. Wird eine kritische Meldung zu lange ignoriert, eskaliert das System – zuerst zur Brücke, dann in die Kapitänskammer, dann zum Leitenden Ingenieur.

Seit 2021 ist das System für neue Handelsschiffe Pflicht, und das Prinzip hat sich bewährt: Wenn die Signale, die zählen, vom Lärm getrennt werden, kann eine Besatzung endlich hören, worauf es ankommt. Doch die Gefahr ist nicht gebannt – dieselbe Untersuchung von Lloyd’s Register ergab, dass die Alarme auf der Brücke in zwei Jahrzehnten um 197% gestiegen sind, eine Erinnerung daran, dass Alarmmüdigkeit ein aktuelles Problem ist und kein gelöstes. Die Lehre betrifft weniger die bessere Ausrüstung als die bessere Führung: Eine Besatzung kann nur auf das reagieren, was sie tatsächlich hört.

Was das für Freizeitsegler bedeutet

Sie sind nicht an die Vorschriften der IMO gebunden. Ihre 40-Fuß-Segelyacht braucht kein Central Alert Management. Aber die Prinzipien, die in jahrzehntelanger Forschung der Berufsschifffahrt entstanden sind, gelten für Ihr Boot genauso wie für einen 300-Meter-Containerfrachter.

Schauen Sie sich Ihre eigene Ausstattung an. Wie viele Geräte können einen Ton von sich geben? Auf einem modernen NMEA-2000-Boot praktisch alle. Tiefenalarme des Kartenplotters. AIS-Kollisionswarnungen. Motortemperatur. Bilgenpumpe. UKW-Funk. Rauchmelder. CO-Melder. Jeder Hersteller hat für sich entwickelt und sein Produkt so laut wie möglich gemacht – denn so zeigt er, dass er für Ihre Sicherheit sorgt.

Stellen Sie sich nun vor, Sie nähern sich bei einbrechender Dunkelheit einer kniffligen Hafeneinfahrt, der Wind frischt auf, die Crew ist müde. Die Bilgenpumpe springt für einen Routinezyklus an – piep. Der Tiefenalarm löst kurz aus, als Sie über eine flache Stelle fahren, die Sie längst kannten – PIEP. Das AIS zeigt eine Fähre, die Sie seit zwanzig Minuten verfolgen – PIEP PIEP. Als endlich die Warnung der Motortemperatur ertönt – die, auf die es wirklich ankommt, die Ihnen sagt, dass Ihr Kühlwassereinlass mit Seegras verstopft ist -, sind Sie längst darauf konditioniert, sie zu überhören.

Was Sie konkret mitnehmen können

  • Nehmen Sie Ihre Alarme unter die Lupe. Notieren Sie auf einer Tagesetappe jeden Piepton. Bei welchen haben Sie hingeschaut? Welche haben Sie ignoriert?
  • Schaffen Sie eine Rangordnung. Schalten Sie hörbare Alarme für Routinezustände ab. Lassen Sie die Bilgenpumpe lautlos laufen – kontrollieren Sie sie bei Ihren normalen Rundgängen mit dem Auge.
  • Heben Sie das Kritische hervor. Schreien dürfen nur diese Alarme: Feuer, Wassereinbruch, AIS-Kollision innerhalb von 10 Minuten, Motorabschaltung. Alles andere sollte entweder lautlos bleiben oder einen deutlich leiseren Ton verwenden.
  • Mehr Überwachung bringt nichts – klügere schon. Ein einziges, gut durchdachtes System, das Meldungen priorisiert, ist mehr wert als fünf einzelne Alarme, die alle gleichzeitig brüllen.

Die Berufsschifffahrt hat in dreißig Jahren Unfalluntersuchung eine harte Lektion gelernt: Sicherheit kommt nicht von mehr Warnungen, sondern von besseren. Die ruhigere Brücke ist die sicherere Brücke. Der Offizier, der auf jeden Alarm reagiert, ist der Offizier, der noch lernen muss, welche Alarme eine Reaktion verdienen.

Wir profitieren von all dieser Forschung, all diesen Untersuchungen, all dieser angesammelten Erfahrung – ohne den Preis in Menschenleben und verlorenen Schiffen bezahlt zu haben. Das Mindeste, was wir tun können, ist, auf das zu hören, was sie gelernt haben.

Manchmal ist die wichtigste Sicherheitsverbesserung schlicht zu wissen, wann man das Piepen abschalten sollte.

Quellen

  1. Lloyd’s Register (2024). „Alarm Management in the Maritime Industry.”
  2. International Maritime Organization (2010). Resolution MSC.302(87): „Adoption of Performance Standards for Bridge Alert Management.”
  3. Bahamas Maritime Authority (2005). „Report on the Allision between the Karen Danielsen and the Great Belt West Bridge.”
  4. Danish Maritime Accident Investigation Board (2021). „BEAUMAIDEN – Grounding on 18 October 2021.”
  5. International Maritime Organization (2009). Resolution A.1021(26): „Code on Alerts and Indicators.”
  6. IEC 62923-1:2018. „Maritime Navigation and Radiocommunication Equipment – Bridge Alert Management.”
  7. Marine Accident Investigation Branch (2019). „Report on the grounding of general cargo vessel Priscilla, Pentland Firth, 18 July 2018.”
  8. SOLAS-Übereinkommen, Kapitel V, Regel 19.2 – Anforderungen an die Mitführung schiffsgebundener Navigationssysteme.

Weiterführende Lektüre

Forschung von Galvanic Works — zwei frei zugängliche Preprints zu Alarmmüdigkeit und kognitiver Belastung auf See.
The 3AM Report — eine kostenlose Sicherheitsanalyse dessen, was Hunderte von Unfallberichten offenbaren.

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