Mann über Bord (MOB) – das ist der Albtraum, den jeder Segler fürchtet, auf den sich aber kaum jemand wirklich vorbereitet. Die Zahlen sind ernüchternd: 40 bis 47 Prozent aller MOB-Fälle enden tödlich. In kaltem Wasser bleiben mitunter weniger als elf Minuten, um eine Person zu bergen, bevor sie nicht mehr ansprechbar ist. Diese Risiken zu kennen ist entscheidend – nicht, um Angst zu machen, sondern um den Verlorenen Respekt zu erweisen: indem wir aus ihren Erfahrungen lernen und künftige Tragödien verhindern.
Was bedeutet Mann über Bord?
Von Mann über Bord (MOB) spricht man, wenn ein Crewmitglied vom Boot ins Wasser stürzt – sei es bei der Routinearbeit an Deck, bei schwerem Wetter oder bei einem schweren Zwischenfall wie dem Kentern. Anders als beim kontrollierten Schwimmen oder Tauchen ist das MOB-Opfer unvorbereitet, oft schwer bekleidet und sofort mit Kälteschock, Wellen und der Trennung vom eigenen Boot konfrontiert.
Der Begriff „Mann über Bord“ ist im maritimen Sprachgebrauch geschlechtsneutral und stammt aus jahrhundertealter seemännischer Tradition – er gilt für jeden Menschen, unabhängig vom Geschlecht, der über Bord geht.
Die weltweiten Zahlen: Die Risiken verstehen
Daten aus den USA (2000–2011)
Eine umfassende Studie zu den Daten der U.S. Coast Guard von 2000 bis 2011 ergab:
- 271 Todesopfer bei segelbezogenen Unfällen über den Elfjahreszeitraum
- 70,1 % dieser Tragödien ereigneten sich nach einem Sturz über Bord oder einem Kentern
- Todesrate: 1,19 pro Million Segeltage (höher als beim alpinen Skifahren mit 1,06 pro Million)
- 73,1 % ertranken
- 81,6 % trugen keine Rettungsweste
Zahlen speziell zu MOB
In den USA zwischen 2003 und 2007:
- 749 Todesopfer bei Mann-über-Bord-Fällen von insgesamt 3.133 Bootsunglücken mit Todesfolge (23,9 %)
- Nur 17 bis 25 % der über Bord gegangenen Personen werden erfolgreich geborgen
Maritime Daten aus Großbritannien (2015–2023)
Die Daten der Maritime Accident Investigation Branch (MAIB) zeigen:
- Mehr als 40 % der bei der MAIB gemeldeten MOB-Fälle endeten tödlich
- 47 % der MOB-Vorfälle auf Sportbooten verliefen tödlich
Die ernüchternde Realität
Fast die Hälfte aller über Bord gegangenen Personen überlebt nicht. Selbst mit moderner Sicherheitsausrüstung und geschulten Crews bleiben diese Vorfälle hochgefährlich. Hinter jeder dieser Zahlen steht ein geliebter Mensch – Vater, Kind, Partner oder Freund – und jede erinnert daran, warum die Prävention für uns oberste Priorität haben muss.
2. Dezember 2024: Zum Gedenken an Dag Eresund
Am 2. Dezember 2024 um 2:30 Uhr ging der 33-jährige schwedische Segler Dag Eresund während der Atlantic Rally for Cruisers (ARC) mitten im Atlantik von der Volvo-70-Rennyacht Ocean Breeze über Bord.
Der Vorfall
- Boot: Ocean Breeze, eine unter österreichischer Flagge fahrende Volvo 70 mit bewegter Geschichte im Volvo Ocean Race
- Veranstaltung: ARC 2024 (820 Teilnehmer, 140 Yachten, 2.700 nm Atlantiküberquerung)
- Ausrüstung: Dag trug eine automatische Rettungsweste mit persönlichem AIS-Sender
- Suche: 19 Stunden intensive Suche, koordiniert vom U.S. MRCC Norfolk, Virginia
- Helfende Schiffe: die Vismara 62 Leaps & Bounds 2, die 88 m lange Superyacht Project X
- Ausgang: Die Suche wurde schließlich wegen sich verschlechternden Wetters und einbrechender Dunkelheit eingestellt; Dag wurde nicht geborgen
Was wir aus diesem Vorfall lernen
Dag Eresund hatte alles richtig gemacht:
- ✅ Er trug eine automatische Rettungsweste
- ✅ Er hatte einen persönlichen AIS-MOB-Sender
- ✅ Er war an Bord einer professionellen Rennyacht mit erfahrener Crew
- ✅ Er ging während einer organisierten Rally mit Booten in der Nähe über Bord
- ✅ Er löste eine sofortige, 19-stündige Suche mit mehreren Schiffen aus
Und doch geschah diese Tragödie.
Dieser erschütternde Fall zeigt, wie schwierig MOB-Situationen selbst bei guter Vorbereitung bleiben. Die Entfernung zum Land verhinderte eine Suche aus der Luft. Das Wetter verschlechterte sich. Die Dunkelheit brach herein. Trotz größter Anstrengungen anderer Segler und der Rettungskoordinatoren wurde Dag nicht gefunden. Sein Tod erinnert uns daran, dass das Meer Risiken birgt, die selbst die beste Ausrüstung und die erfahrensten Segler nicht immer bewältigen können.
17. Oktober 2025: Eine bemerkenswerte Überlebensgeschichte
Ein hoffnungsvolleres Kapitel schrieb das Mini Globe Race 2025: Eric Marsh, mit 72 Jahren der älteste Skipper im Rennen, ging während des dritten Abschnitts über Bord – und rettete sich durch Entschlossenheit und Vorbereitung selbst das Leben. Seine Erfahrung zeigt beides: wie unberechenbar MOB ist und wie entscheidend die richtige Sicherheitsausrüstung sein kann.
Der Vorfall
- Segler: Eric Marsh, 72 Jahre, ältester Teilnehmer im Rennen
- Boot: Sunbear
- Datum: 17. Oktober 2025 (nachts)
- Tätigkeit: Bergen des Spinnakers am Bug
- Ursache: Eine große Welle traf das Boot und spülte ihn über Bord
- Ausrüstung: am Boot eingepickt, mit automatischer Rettungsweste
- Ausgang: Selbstrettung – er zog sich über das achterliche Backbordviertel zurück an Bord
In seinen eigenen Worten
Marshs Schilderung ist ernüchternd: „Ich dachte ehrlich, es sei aus für mich. Nach vielen Versuchen habe ich mich schließlich zurück an Bord gezogen.“
Unmittelbar nach der Bergung kontaktierte er sein Sicherheitsteam und berichtete, er sei „durchnässt und noch immer schwer erschüttert“, aber unverletzt. Die Rennleitung riet, seinen Zustand im Auge zu behalten, da Adrenalin Verletzungen überdecken kann.
Das Problem mit der Ausrüstung
Marshs automatische Rettungsweste behinderte seine Bergung erheblich – genau die Ausrüstung, die ihn retten sollte, hätte seine Selbstrettung beinahe verhindert. Rennorganisator Don McIntyre beschrieb das Problem:
„Wenn die Sicherheitsleine über die Reling läuft, hängt sie an der Strecktau-Leine durch. Es ist sehr schwer, sich da wieder hochzuziehen.“
Der Vorfall veranlasste die Veranstalter, die Ausrüstung der gesamten Flotte zu überprüfen – denn er offenbart das Paradox der Sicherheitsausrüstung: Aufblasbare Rettungswesten geben Auftrieb, doch ihr Volumen macht das Zurückklettern an Bord nahezu unmöglich.
Eine Geschichte der Ausdauer
Mit 72 Jahren überlebte Eric Marsh einen Vorfall, den viele jüngere, kräftigere Segler nicht überleben. Er musste kaltes Wasser, Wellengang, Erschöpfung und eine Ausrüstung überwinden, die gegen ihn arbeitete – und dann sein eigenes Körpergewicht zurück auf ein schlingerndes Boot ziehen. „Nach vielen Versuchen“ heißt: Es war keine schnelle Bergung. Jeder gescheiterte Versuch zehrte an seinen Kräften, und doch gab er nicht auf. Seine Geschichte ist eine eindringliche Mahnung, warum wir niemals aufgeben dürfen – und warum gute Vorbereitung über Leben und Tod entscheiden kann.
Allein an Deck: Die Realität des Freizeitsegelns
Eric Marshs Fall macht einen entscheidenden Unterschied zwischen professionellem Regattasport und Freizeittörn deutlich:
- Einhandsegeln: keine Crew, die ein Rettungsmanöver einleitet, MOB-Ausrüstung wirft oder bei der Bergung hilft
- Die Sicherheitsleine wird zur Lebensader: Ohne Crew ist sie Ihre einzige Verbindung – aber auch eine mögliche Gefahr
- Selbstrettung ist Pflicht: Entweder Sie kommen zurück an Bord, oder ein Überleben wird höchst unwahrscheinlich
- Volumen der Ausrüstung: Die aufgeblasene Rettungsweste gibt Auftrieb, macht das Klettern an Bord aber nahezu unmöglich
- Körperkraft: Sie müssen Ihr eigenes durchnässtes Körpergewicht immer wieder hochstemmen, bis es gelingt
Marsh überlebte, weil er eingepickt war, trotz Alter und Ausrüstungshindernissen stark genug zur Selbstrettung war und nach den ersten gescheiterten Versuchen nicht aufgab. Seine Vorbereitung und Entschlossenheit retteten ihm das Leben.
Der Vorfall offenbart auch eine wichtige Wahrheit über das Freizeitsegeln: Oft ist die Crew allein an Deck, und ein simpler Ausrutscher kann sofort lebensbedrohlich werden. Anders als im professionellen Regattasport mit mehreren Leuten an Deck haben Freizeitboote häufig einen einzelnen Wachhabenden, der Segel, Leinen und Segelwechsel ganz ohne Rückendeckung handhabt.
Der entscheidende Faktor Zeit: Was im Wasser geschieht
Kälteschock (0–3 Minuten)
Sobald Sie ins Wasser fallen, reagiert Ihr Körper mit einem unwillkürlichen Kälteschock:
- Schnappatmung: unwillkürliches Einatmen, mögliches Einatmen von Wasser
- Hyperventilation: Die Atemfrequenz steigt um 600 bis 1000 %
- Kreislaufbelastung: Herzfrequenz und Blutdruck schießen in die Höhe
- Höchste Gefahr: in den ersten 30 Sekunden, anhaltend bis zu 2–3 Minuten
20 % der MOB-Opfer sterben innerhalb von 2 Minuten allein am Kälteschock
Kältelähmung (3–30 Minuten)
Wer den Kälteschock übersteht, dessen Muskeln versagen nun zunehmend:
- Muskelauskühlung: nachlassende Geschicklichkeit, schwindende Greifkraft
- Wirksame Muskelkraft: 10–15 Minuten in eiskaltem Wasser
- Schwimmfähigkeit: lässt rapide nach und macht die Selbstrettung unmöglich
Entscheidende Erkenntnis: Untersuchungen der MAIB zeigen, dass einer Crew weniger als 11 Minuten bleiben, um eine Person in kaltem Wasser zu bergen, bevor sie nicht mehr ansprechbar ist. In manchen dokumentierten Fällen schrumpft dieses Zeitfenster bei rauer See oder kälteren Temperaturen auf nur 4–5 Minuten.
Die MCA formuliert es unmissverständlich: „Wird eine Person nicht innerhalb von 5 Minuten gerettet, ist es höchst wahrscheinlich, dass sie sich entweder nicht mehr selbst helfen kann oder bewusstlos ist.“
Unterkühlung (ab 30 Minuten)
Die Körperkerntemperatur fällt, mit folgenden Stadien:
- Leichte Unterkühlung (<35 °C): Zittern, Verwirrung, eingeschränkte Urteilsfähigkeit
- Mäßige Unterkühlung (<32 °C): Das Zittern setzt aus, schwere Verwirrung, Schläfrigkeit
- Schwere Unterkühlung (<28 °C): Bewusstlosigkeit, lebensbedrohlich
Die Überlebenszeit in kaltem Wasser hängt stark von der Temperatur ab:
- 0–5 °C (32–41 °F): 15–45 Minuten
- 5–10 °C (41–50 °F): 30–90 Minuten
- 10–16 °C (50–61 °F): 1–6 Stunden
- 16–21 °C (61–70 °F): 2–40 Stunden
- >21 °C (>70 °F): 3 Stunden bis unbegrenzt
Realitätscheck: die Zeit bis zur Bergung
MOB-Bergemanöver brauchen Zeit:
- Williamson-Turn: etwa 11 Minuten
- Anderson-Turn: schneller, aber immer noch mehrere Minuten
- Quick-Stop-Methode: 2–4 Minuten bis zur Rückkehr (bei perfekter Ausführung)
Hinzu kommt die Zeit für:
- das Bemerken, dass jemand über Bord gegangen ist (30 Sekunden bis 2 Minuten)
- das Einleiten des Manövers (30 Sekunden bis 1 Minute)
- das Auffinden der Person in den Wellen (1–5 Minuten)
- das Heranmanövrieren (1–3 Minuten)
- die eigentliche Bergung aus dem Wasser (2–10 Minuten)
Realistische Gesamtbergezeit: mindestens 8–25 Minuten
In kaltem Wasser bleiben Ihnen womöglich nur 5–11 Minuten bis zur Bewusstlosigkeit. Dieses enge Zeitfenster macht die Prävention entscheidend.
Das Paradox der Sicherheitsleine: Grenzen der Schutzausrüstung
Sicherheitsgurte und Sicherheitsleinen sollen MOB verhindern, indem sie die Crew mit dem Boot verbunden halten. Sie können jedoch eine andere Gefahr schaffen: mit Bootsgeschwindigkeit durchs Wasser geschleift zu werden.
Dokumentierte Fälle mit Sicherheitsleinen
Christopher Reddish (2011): Der Skipper der Reflex 38 Lion ging nachts vom Vorschiff über Bord – eingepickt und mit Rettungsweste – und kam ums Leben. Obwohl er binnen 16 Minuten geborgen wurde, überlebte er nicht: An seiner 1,8 Meter langen Sicherheitsleine wurde er mit 9 Knoten geschleift und an die Leeseite des Bootes gedrückt.
Chicago-Mackinac-Regatta: Die Slup WingNuts kenterte in einem Sturm. Skipper Mark Morley und seine Freundin Suzanne Bickel kamen ums Leben – noch immer an ihrem Boot eingepickt. Ein Überlebender erklärte, er hätte nicht überlebt, wenn ein Crewmitglied seine Sicherheitsleine nicht durchtrennt hätte.
Doublehanded Farallones Race 1999: Harvey Schlasky kam ums Leben, als er von seiner Sicherheitsleine geschleift wurde.
Sydney-Hobart-Regatta 1998: Phillip Skeggs kam ums Leben – in Leinen verheddert und am Ende seiner Sicherheitsleine –, als das IMS-Rennboot Business Post of Naiad kenterte.
Überführungsfall 2011: Eine 35-Fuß-Yacht wurde bei der Hafeneinfahrt von einer Dünung getroffen. Skipper und zwei Crewmitglieder wurden über Bord gespült. Die beiden Eingepickten kamen ums Leben. Der Skipper, der weder Rettungsweste noch Gurt trug, überlebte.
Die Physik des Ertrinkens an der Sicherheitsleine
Tests mit beschwerten Dummys ergaben beunruhigende Ergebnisse:
- Bei 5 Knoten: Die straffe Sicherheitsleine zieht den Oberkörper nach oben, der Kopf wird unter Wasser gedrückt
- Bei 6 Knoten: Der Kopf wirkt wie ein Wasserski und treibt den Körper vollständig unter Wasser
- Zeit bis zur Bewusstlosigkeit: bei Schleppen mit Fahrt nur 1 Minute
Der Bericht der UK MAIB dokumentierte vier weitere Fälle, in denen am Boot eingepickte Segler selbst mit Hilfe der Crew nicht zurück an Bord kamen.
Die schwierige Wahl
Eingepickt zu sein bedeutet, am Boot zu bleiben – doch Sie verlieren womöglich das Bewusstsein, bevor die Bergung gelingt. Nicht eingepickt zu sein bedeutet, sich vom Boot zu trennen – doch Sie haben Luft zum Atmen und überleben vielleicht lange genug für eine Rettung. Keine der beiden Möglichkeiten garantiert Sicherheit. Diese Grenzen zu kennen hilft, bessere Präventionsstrategien zu entwickeln.
Schnellauslösung: das Problem
Die Theorie: Sicherheitsleinen sollten eine Schnellauslösung haben, damit sich die Crew lösen kann, wenn sie geschleift wird.
Die Praxis:
- Australische Tests: Schnellauslöse-Verschlüsse („Load-off-Devices“) sind unter Last sehr schwer bis gar nicht zu bedienen
- Unbeabsichtigtes Auslösen: Ein Segler berichtete, dass sich die Schnellauslösung zweimal in kritischen Momenten unerwartet löste – beim Segelhandling im Sturm und beim Sichern der Fock – und schwor, sie nie wieder zu benutzen
- Erreichbarkeit: An das Gurtmesser oder die Auslösung heranzukommen, während man geschleift, verdreht und unter Wasser gedrückt wird, ist „schwierig und problematisch“
Die Lösung mit dem Messer
Seglern wird geraten, ein scharfes Messer mitzuführen und seinen Gebrauch mit verbundenen Augen und kopfüber hängend zu beherrschen. Doch:
- Westen, Gurt, Sicherheitsleine und Ausrüstung werden straff und verdreht und machen Messer unerreichbar
- Gurtmesser werden oft von Kleidungsschichten und Ausrüstung blockiert
- Ein normales Messer in der Außentasche ist zuverlässiger als ein spezielles Gurtmesser
- Ein Green-River-Messer mit Scheide durchtrennte die Sicherheitsleine im Test augenblicklich – wenn man es erreichen kann
Fazit: In Panik, Kälteschock und dem Chaos, mit 6 Knoten unter Wasser geschleift zu werden, ist es extrem schwierig, ein Messer zu finden und einzusetzen, um sich freizuschneiden.
Warten auf Rettung: Herausforderungen im Wasser
Wenn Sie ohne Sicherheitsleine über Bord gehen (oder sich freischneiden), treiben Sie nun im Meer und warten darauf, dass Ihr Boot – oder ein anderes Schiff – Sie rettet.
Der Abstand
Selbst bei „sofortiger“ MOB-Reaktion:
- Eine Person geht nachts über Bord, 30 Sekunden lang unbemerkt
- Boot mit 6 Knoten Fahrt = 90 Meter Abstand, bevor Alarm ausgelöst wird
- Quick-Stop-Manöver eingeleitet, 3 Minuten bis zur Rückkehr
- Das Boot hat nun 550 Meter (0,3 nm) zurückgelegt
- Auffinden der Person in 2 Meter hohen Wellen: weitere 2–5 Minuten Suche
Bei rauer See oder nachts ist der Sichtkontakt fast sofort verloren. Ihr Boot kann auf 50 Meter an Ihnen vorbeifahren, ohne Sie zu sehen.
Rettung durch andere Schiffe
Bei organisierten Rallys oder in stark befahrenen Schifffahrtswegen könnten Schiffe in der Nähe helfen. Dag Eresunds Fall während der ARC zeigte dieses bestmögliche Szenario:
- 140 Yachten nahmen an der Rally teil
- sofortiger Alarm über den AIS-MOB-Sender
- mehrere Schiffe scherten zur Suche aus (Vismara 62, 88-m-Superyacht)
- das U.S. MRCC koordinierte eine 19-stündige Suche
- Ergebnis: Dag wurde nicht geborgen
Mitten im Ozean verhinderte die Entfernung zum Land eine Suche aus der Luft. Das Wetter verschlechterte sich. Das Tageslicht schwand. Trotz größter Anstrengungen und obwohl alles so gut wie möglich verlief, geschah diese Tragödie.
Stellen Sie sich nun dasselbe Szenario vor, aber:
- nicht bei einer organisierten Rally (keine Schiffe in der Nähe)
- der AIS-Sender versagt oder wird nicht erkannt
- Einhandsegler oder Paar (niemand bleibt an Bord, um die Suche zu koordinieren)
- Nacht, Sturm, schlechte Sicht
Die Herausforderungen vervielfachen sich erheblich.
MOB-Bergetechnik: Was wirklich funktioniert
1. AIS-MOB-Sender
So funktionieren sie: Persönliche AIS-Sender werden an aufblasbaren Rettungswesten getragen. Bläst sich die Weste auf (wasseraktiviert), fährt das Gerät die Antenne aus und sendet eine eindeutige MOB-Kennung auf AIS-Frequenzen. Jedes Schiff in Reichweite mit AIS-Empfänger erhält einen akustischen Alarm und die GPS-Position.
Führende Geräte:
- Ocean Signal rescueME MOB1: AIS + DSC, 24 Stunden Akkulaufzeit, erster Alarm binnen 15 Sekunden
- Ocean Signal rescueME MOB2: AIS Class M + VHF-DSC, sendet den Alarm binnen 15 Sekunden und übermittelt die genaue Position
- ACR AISLink: persönlicher AIS-Sender mit DSC-Funktion
Herstellerangaben vs. Realität:
- Angegebene Reichweite: 5–10 nm
- Tests in der Praxis: 3,5 nm auf offenem Wasser bei 14 m Empfangsantennenhöhe
- Typische Reichweite: 2–4 nm mit relinggemontierter VHF-AIS-Antenne
- Schwere See: Wellentäler, Gischt und brechende See verringern sie auf 2–3 nm oder weniger
- Beste Leistung: bei schwachem Wind und glatter See
2. PLBs (Personal Locator Beacons)
So funktionieren sie: Sie senden auf der Notfrequenz 406 MHz, die vom Satellitensystem COSPAS-SARSAT überwacht wird. Der Alarm wird an das nächste Rescue Coordination Centre (RCC) weitergeleitet.
Vorteile:
- weltweite Abdeckung über Satelliten (nicht auf Schiffe in der Nähe angewiesen)
- RCC-Koordination professioneller Such- und Rettungseinsätze
- wirksam in abgelegenen Meeresgebieten
Nachteile:
- Verzögerung der Aktivierung: Bis zur Satellitenerkennung und RCC-Benachrichtigung können 45 Minuten und mehr vergehen
- Einsatz von Luftfahrzeugen: Hubschrauber/Flugzeuge brauchen Stunden, um Positionen mitten im Ozean zu erreichen
- Entfernung zum Land: kann außerhalb der Hubschrauberreichweite liegen (wie in Dags Fall)
Entscheidende Erkenntnis: PLBs alarmieren professionelle Retter weltweit, doch die Reaktionszeit bemisst sich in Stunden, nicht in Minuten. Wenn Sie in kaltem Wasser binnen 11 Minuten gerettet werden müssen, hilft Ihnen kein PLB – das kann nur Ihr eigenes Boot.
3. DSC (Digital Selective Calling)
So funktioniert es: Ein VHF-Funknotruf mit GPS-Position. Manche AIS-MOB-Sender senden zusätzlich DSC-Alarme aus und erhöhen so die Zahl der alarmierten Boote (Boote ohne AIS, die aber VHF überwachen, erhalten den Alarm mit Längen- und Breitengrad).
Wirksamkeit: erhöht die Alarmabdeckung, ist aber auf die VHF-Reichweite begrenzt (ähnlich wie AIS: 2–10 nm je nach Bedingungen).
4. EPIRBs (Emergency Position Indicating Radio Beacons)
Bootsgebunden vs. persönlich: EPIRBs zeigen die Position des Bootes an. Gehen Sie über Bord, bleibt der EPIRB beim Boot. Um Ihre Position separat zu markieren, brauchen Sie einen PLB (persönlichen EPIRB) oder einen AIS-MOB-Sender.
Die Rangfolge der Technik
Beste Überlebenschance: AIS-MOB-Sender (sofortiger Alarm an das eigene Boot in 3–4 nm Reichweite, Rettung in 5–15 Minuten möglich)
Zweite Absicherung: PLB (Satellitenalarm an professionelle Retter, Reaktionszeit Stunden)
Dritte Ebene: DSC (erweitert die Alarmreichweite auf VHF-ausgerüstete Boote)
Entscheidend: In kaltem Wasser bietet nur der AIS-MOB-Sender einen Alarm, der schnell genug für ein überlebbares Zeitfenster ist. PLBs sind die Absicherung für warmes Wasser oder für den Fall, dass das eigene Boot nicht bergen kann.
Was lässt sich tatsächlich tun?
Prävention (die wirksamste Strategie)
- Strecktaue: Strecktaue auf der Mittellinie verringern das Ausschwingen bei einem Sturz und damit die Schleppstrecke
- Drei-Punkte-Kontakt: Halten Sie sich beim Bewegen an Deck immer an drei Punkten fest
- Vorschiff nachts meiden: der Bereich mit dem höchsten MOB-Risiko
- Früh reffen: Segel reduzieren, bevor die Bedingungen gefährliche Arbeit am Vorschiff erzwingen
- Länge der Sicherheitsleine: möglichst kurze Sicherheitsleine verwenden, um die Schleppstrecke bei einem Sturz zu minimieren
- Rutschfeste Flächen: für Halt an Deck sorgen, Leinen und Stolperfallen beseitigen
Mehrfach absichern
- Ebene 1: aufblasbare Rettungsweste mit integriertem AIS-MOB-Sender (automatische Aktivierung)
- Ebene 2: PLB als Absicherung (Satellitenalarm, falls AIS versagt oder das Boot nicht bergen kann)
- Ebene 3: erreichbares Messer (Außentasche, zum Durchtrennen der Sicherheitsleine getestet)
- Ebene 4: Blitzlicht, Pfeife, Signalspiegel (visuelle/akustische Ortungshilfen)
Crew-Training
- MOB-Übungen: Bergeabläufe regelmäßig üben, die Zeit stoppen, Schwachstellen erkennen
- Nachtübungen: nachts üben (wenn die meisten MOB-Fälle passieren), mit Blitzlichtern und Suchscheinwerfern
- Bergung mit Dummy: das körperliche Heraufholen eines beschwerten Dummys aus dem Wasser üben (schwerer, als man denkt)
- Einhand-/Kurzhandszenarien: Wer zu zweit segelt, sollte die Einhandbergung üben
Umbauten am Boot
- Badeleiter: feste oder ausklappbare Leiter am Heck (eine erschöpfte Person kann keinen senkrechten Spiegel hochklettern)
- Bergeschlinge/Fall: vorgeriggtes System, um eine bewusstlose Person an Bord zu winschen
- AIS-Empfänger/Plotter-Integration: MOB-Alarme lösen einen akustischen Alarm und einen automatischen Wegpunkt aus
- Suchscheinwerfer: leistungsstarker, fernsteuerbarer Suchscheinwerfer zur Ortung bei Nacht
Aus Erfahrung lernen: Zum Gedenken an die Verlorenen
Dag Eresund hatte:
- ✅ eine professionelle Rennyacht
- ✅ eine erfahrene Crew
- ✅ eine automatische Rettungsweste
- ✅ einen AIS-MOB-Sender
- ✅ eine Rally mit 140 Yachten in der Nähe
- ✅ eine 19-stündige professionelle Suche
Christopher Reddish hatte:
- ✅ eine Rettungsweste
- ✅ einen Sicherheitsgurt mit Sicherheitsleine
- ✅ eine Crew an Bord, die ihn bergen konnte
- ✅ eine Bergung in 16 Minuten
Und doch geschahen diese Tragödien.
Die Daten zeigen uns, womit wir uns auseinandersetzen müssen:
- 40–47 % der MOB-Fälle enden tödlich
- weniger als 11 Minuten bis zur Bewusstlosigkeit in kaltem Wasser
- 20 % sterben innerhalb von 2 Minuten am Kälteschock
- Bergemanöver dauern mindestens 8–25 Minuten
- Sicherheitsleinen können bei Schleppen mit Fahrt in unter 1 Minute zur Bewusstlosigkeit führen
- Schnellauslösungen funktionieren nicht zuverlässig
- AIS-Reichweite unter realen Bedingungen 2–4 nm (nicht die beworbenen 5–10 nm)
- nur 17–25 % der über Bord gegangenen Personen werden erfolgreich geborgen
Selbst mit der richtigen Ausrüstung und guter Vorbereitung bleibt Mann über Bord
einer der schwersten Notfälle beim Segeln.
Der wirksamste Ansatz ist, MOB-Vorfälle von vornherein zu verhindern. Prävention ist nicht nur die beste Strategie – sie ist der zuverlässigste Weg, dafür zu sorgen, dass alle wohlbehalten nach Hause kommen.
Jeder Mensch, den wir an die See verloren haben – Dag, Christopher, Mark, Suzanne, Harvey, Phillip und unzählige andere –, hinterlässt geliebte Menschen, deren Trauer uns daran erinnert, warum dies so wichtig ist. Ihre Erfahrungen lehren uns entscheidende Lektionen über die Realität maritimer Sicherheit. Indem wir aus diesen Tragödien lernen, ehren wir ihr Andenken und arbeiten daran, dass künftige Segler von besserem Bewusstsein, besserer Vorbereitung und besserer Prävention profitieren.
Bleiben Sie an Deck wachsam. Bereiten Sie sich gründlich vor. Üben Sie unermüdlich. Denn das Ziel ist nicht nur zu überleben – es ist, dass alle wieder nach Hause kommen, zu den Menschen, die sie lieben.





Leave a Reply