B&G MFD on sailing yacht

Das Paradox des Multifunktionsdisplays: Unverzichtbar – und kaum verstanden

Wir alle lieben unser B&G MFD. Es gehört zu jener Ausstattung, die an Bord schlicht nicht fehlen darf – wie das Ruder, der Anker oder die Segel selbst. Gemeinsam mit GPS haben Multifunktionsdisplays die Navigation auf ein Komfortniveau gehoben, das es so noch nie gab. Doch wozu dienen sie eigentlich? Und vor allem: Nutzen wir sie wirklich aus?

Mehr als nur ein Kartenplotter

Seien wir ehrlich: Karten und GPS bekommt man heute auf jedem Tablet oder Smartphone. Winddaten werden auf eigenständigen Instrumenten wie dem B&G Triton ohnehin übersichtlicher dargestellt. Was also macht das MFD so unverzichtbar?

Der eigentliche Wert eines Multifunktionsdisplays liegt in einem System, das im Hintergrund arbeitet – im NMEA 2000. Dieses Netzwerk führt sämtliche Informationen Ihres Bootes an einer Stelle zusammen. Und ebenso wichtig: Es erlaubt Ihnen, zahlreiche weitere Systeme über eine einzige Oberfläche einzustellen und zu steuern.

Der wahre Wert eines MFD liegt darin, ALLE diese Daten in einer einzigen Oberfläche zu bündeln – sodass Sie vom AIS zum Radar wechseln, von der Tiefe zur Stromberechnung, von den Motorwerten zum Batteriestatus, ohne den Steuerstand verlassen zu müssen.

Das „Display” im Multifunktionsdisplay

Eine interessante Beobachtung: Die meisten MFDs steuern andere Systeme nur in geringem Maße. Die große Ausnahme ist das Radar, hier ist das MFD die zentrale Bedienoberfläche. Bei den meisten anderen Systemen aber tut das MFD genau das, was der Name verrät – es zeigt der Crew Daten an.

Und genau hier liegt die Schwachstelle.

Die Wissenslücke

Vom Skipper oder Eigner einmal abgesehen, kennen sich die meisten Crewmitglieder mit den Funktionen des MFD kaum aus. Es sind hochentwickelte Computer, die es in ihren Möglichkeiten mit ganzen Workstations aufnehmen – und doch erwarten wir, dass die Leute sie zwischen Seekrankheit und Segelmanöver beherrschen.

RTFM: Der ewige Kampf

Die Handbücher der MFDs umfassen Hunderte von Seiten. Hunderte. Und Hand aufs Herz – meist bleiben sie ungelesen. RTFM (Read The F***ing Manual) – diesen Spruch bekommen wir oft von den Servicefirmen zu hören, wenn wir wegen eines Problems anrufen.

Aber die Realität sieht so aus:

  • Das Handbuch eines aktuellen B&G Zeus oder Vulcan hat über 200 Seiten
  • Funktionen verstecken sich in Menüs in Menüs in Menüs
  • Mit jedem Firmware-Update ändern sich Einstellungen
  • Die Anbindung weiterer Geräte erhöht die Komplexität
  • Jedes Crewmitglied bringt andere technische Erfahrung mit

Das schwache Glied in der Kette ist auch hier wieder der Mensch – unsere Fähigkeit, die enorme Datenmenge, die durch diese Geräte fließt, einzurichten, zu lesen und richtig zu deuten.

Der Faktor Müdigkeit

Und dann ist da noch die Müdigkeit – der stille Feind jeder Kompetenz auf See.

Was wir im Winter auf dem Sofa zu Hause verstehen, ist etwas ganz anderes als das, was wir mitten in einem Notfall um drei Uhr nachts verstehen.

Diese komplexe Wegpunktfolge, die Sie so sorgfältig programmiert haben? Viel Glück beim Ändern – mit klammen, nassen Händen, während das Boot 25 Grad krängt und die Gischt aufs Display klatscht. Die Radar-Overlay-Funktion, die Sie im Hafen geübt haben? Versuchen Sie mal, sie zu deuten, wenn Sie seit 18 Stunden nicht geschlafen haben und drei Ziele alle gleich bedrohlich aussehen.

Unter Stress und Erschöpfung lässt unsere geistige Leistungsfähigkeit drastisch nach. Dem MFD ist das gleichgültig – es zeigt dieselbe komplexe Oberfläche, ob Sie nun ausgeruht und wach sind oder nur noch auf Adrenalin und letzten Reserven laufen.

Wenn es wirklich darauf ankommt: Eine persönliche Geschichte

Einmal sind wir einer „Pan Pan”-Lage entkommen, die das Aufgeben des Bootes bedeutet hätte. Wie? Wir haben das Boot nach Hause gesteuert – Grad für Grad, indem wir das nasse Display mit den Fingern berührten.

Der Autopilot reagierte auf die Kursänderungen, die wir direkt auf der Karte vornahmen. Es war nicht elegant. Es stand so in keinem Handbuch. Aber es funktionierte, und wir kamen heim.

Diese Erfahrung hat uns etwas Wichtiges gelehrt: MFDs sind tatsächlich unglaublich nützlich – wenn man weiß, wie man sie bedient. Nicht nur die Grundfunktionen, sondern auch die kreativen Notlösungen, die Ihr Boot retten können, wenn die üblichen Wege versagen.

Die verborgene Gefahr: Die Täuschung durch den Maßstab

Doch MFDs können auch gefährlich sein. Die heimtückischste Gefahr ist vielleicht der Kartenmaßstab.

Eine Karte im falschen Maßstab kann genau das Riff verbergen, das Sie unbedingt meiden wollen. Das kleine Symbol, das im Maßstab 1:50.000 wie eine harmlose Tiefenlinie wirkt? Bei 1:5.000 ist es ein Felsen, der Ihre Reise beendet.

Wir haben erfahrene Segler nur knapp dem Unglück entkommen sehen, weil:

  • das MFD automatisch auf einen Maßstab zoomte, der entscheidende Details verbarg
  • Rasterkarten bei bestimmten Zoomstufen nicht richtig luden
  • die Vektorkartendaten für das Gebiet unvollständig waren
  • das Display im „Declutter”-Modus stand und wichtige Symbole ausblendete
  • die Sonnenblendung den Bildschirm im entscheidenden Moment unlesbar machte

Die Integrations-Illusion

Moderne MFDs versprechen nahtlose Integration. Alles an einem Ort. Ein Bildschirm, der alles vereint.

Die Wirklichkeit ist vielschichtiger:

Was MFDs gut können

  • Kartendarstellung und Routenplanung
  • Radar-Overlay und dessen Auswertung
  • Anzeige und Verfolgung von AIS-Zielen
  • Grundlegende Anzeige von Instrumentendaten
  • Bedienoberfläche für den Autopiloten

Was MFDs nicht können

  • Daten aus mehreren Quellen intelligent verknüpfen
  • vorausschauend warnen, wenn sich Entwicklungen abzeichnen
  • die Oberfläche an den Ermüdungszustand anpassen
  • Warnungen je nach Situation nach Wichtigkeit ordnen
  • aufziehende Gefahrensituationen selbstständig erkennen

Das MFD zeigt Ihnen die Daten. Sie müssen sie verknüpfen, deuten und danach handeln. Um drei Uhr nachts. Bei 30 Knoten. Nach zwölf Stunden auf See.

Das „Head-Down”-Problem

Hier liegt ein weiterer grundlegender Schwachpunkt im Konzept des MFD: Es nützt nur, wenn jemand aktiv darauf schaut.

MFDs fehlt die schlichte Fähigkeit, jemanden zu alarmieren, der nicht direkt davor sitzt. Und so sieht die Wirklichkeit beim Freizeitsegeln aus: Anders als ein IFR-Pilot, der „head-down” seine Instrumente im Blick behalten muss, starren wir auf See nicht auf Displays.

Wir genießen das Segeln. Wir schauen zum Horizont. Wir trimmen die Segel. Wir unterhalten uns. Wir machen Mittagessen. Oder sitzen – nicht selten – in der Toilette der Vorschiffskabine.

Und dieses ferne „Piep-Piep”, das Sie aus dem Cockpit nur leise hören? Das genauso klingt wie jedes andere Piep-Piep des Systems? Es könnte Ihnen sagen:

  • Der Autopilot hat sich abgeschaltet
  • Die Wassertiefe liegt unter Ihrem Mindestwert
  • Ein AIS-Ziel ist auf Kollisionskurs
  • Der Ankeralarm hat ausgelöst
  • Der Ankunftsradius des Wegpunkts ist erreicht
  • …oder das Echolot hat etwas Interessantes entdeckt

Sofern Sie das Piepen aus der Vorschiffskabine überhaupt hören. Über dem Motorenlärm. Bei geschlossener Tür. Während der Rumpf knarzt.

MFDs sind im Grunde auf aktive Überwachung ausgelegt – sie setzen voraus, dass ein Crewmitglied sie ständig im Blick hat, bereit, Veränderungen zu bemerken, Daten zu deuten und auf Warnungen zu reagieren. Aber so segeln wir nun einmal nicht.

Wir segeln mit dem Blick nach vorn, genießen das Erlebnis und werfen ab und zu einen Blick auf die Instrumente. Das MFD sitzt da, voll mit entscheidenden Informationen, und wartet darauf, dass jemand hinsieht. Und wenn es unsere Aufmerksamkeit wirklich braucht, gibt es denselben Ton von sich wie für alles andere – und hofft, dass wir gerade hinhören.

Der Weg nach vorn

  • Sie sind nur so gut wie unser Wissen über sie – investieren Sie Zeit, um Ihr System wirklich zu beherrschen
  • Sie denken nicht für uns – sie zeigen Daten an, entscheiden müssen wir
  • Sie sind für gute Bedingungen ausgelegt – üben Sie ihre Bedienung, wenn Sie müde und gestresst sind
  • Sie können ebenso leicht täuschen wie informieren – prüfen Sie kritische Navigation immer über mehrere Quellen
  • Auch die Crew braucht Schulung – nicht nur der Skipper

Das Fazit: Ihr MFD ist ein unglaublich leistungsfähiges Werkzeug – aber eben nur ein Werkzeug. Der Mensch am Steuer bleibt der wichtigste Bestandteil jedes Sicherheitssystems. Und dieser Mensch braucht Schlaf, Training und Systeme, die ihn unterstützen, statt ihn zu überfordern.

Das Multifunktionsdisplay hat sich seinen Platz im Herzen der modernen Navigation verdient. Doch vielleicht ist es an der Zeit, eine Frage zu stellen: Wie würden diese Systeme aussehen, wenn sie nicht nur Daten anzeigen, sondern müden, gestressten Seglern aktiv zu besseren Entscheidungen verhelfen würden?

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