„Wir liegen für die Nacht sicher vor Anker.” Vielleicht sind das die gefährlichsten Worte beim Fahrtensegeln. Während sich Segler um Hochseepassagen und schweres Wetter auf See sorgen, ereignen sich einige der tödlichsten Unglücke beim Ankern – oft in Sichtweite der Küste, mit schlafender Crew unter Deck, im Glauben, sicher zu sein.
August 2024: Drei Wochen, die den Ankermythos zertrümmerten
Innerhalb von nur drei Wochen erlebte das Mittelmeer im August 2024 eine Reihe von Ankerkatastrophen. Sieben Menschen kamen ums Leben, Dutzende Yachten im Wert von zweistelligen Millionenbeträgen wurden zerstört.
Ibiza/Formentera, 14. August 2024
Ein DANA-Sturm (Depresión Aislada en Niveles Altos) mit Böen über 100 km/h (54 Knoten) traf die Balearen ohne ausreichende Vorwarnung. Im Hafen von La Savina an der Westküste Formenteras rissen sich 12 Boote von ihren Liegeplätzen los und liefen auf Grund. Am Flughafen von Ibiza erreichten die Böen 89 km/h.
Extreme Böen und meterhohe Wellen warfen Dutzende Segelyachten an Strände und Felsküsten. Unter den Opfern war die 30,5 Meter lange Maxiyacht „Wally Love” im Wert von rund 3,9 Millionen Euro. Vor Formentera in der Cala Saona wurden neun italienische Segler verletzt, zwei davon schwer, nachdem ihre Yacht auf Felsen aufgelaufen war.
Die Warnung, die nicht genügte
Der spanische Wetterdienst hatte vor möglichen heftigen Gewittern gewarnt. Aber wie viele Crews, die bequem in scheinbar geschützten Buchten vor Anker lagen, haben ihren Ankerplatz wegen einer Vorhersage tatsächlich verlassen? Die Experteneinschätzung war unmissverständlich: „Wer bei solchen Bedingungen an der Westseite Formenteras ankert und das Wetter nicht genau im Auge behält, wird von Wind und Schwell erwischt.”
Sizilien, 19. August 2024: Die Bayesian-Katastrophe
Fünf Tage später und 800 nm weiter östlich lag die 56 Meter lange Luxus-Segelyacht Bayesian rund eine halbe Seemeile vor dem Hafen von Porticello auf Sizilien vor Anker. An Bord waren 22 Menschen, darunter der britische Tech-Unternehmer Mike Lynch und seine 18-jährige Tochter Hannah.
Um 01:59 UTC traf eine heftige Wasserhose (ein Tornado über See) mit Böen über 70 Knoten (81 mph) ein. Die Yacht verlor ihren Anker, als die erste Böenfront einschlug; im nahen Aspra wurden Spitzenwerte von 45,6 Knoten (23,5 m/s) gemessen.
Die Schiffsverfolgungsdaten zeigen den Ablauf:
- 01:59 UTC: Anker verloren, das Schiff beginnt zu treiben
- Die nächsten 5 Minuten: Das Schiff treibt mit etwa 1,8 Knoten (rund 280 Meter), laut dem Zwischenbericht des MAIB
- 15 Minuten nach Beginn des Driftens: Das Schiff sinkt
Sieben Menschen starben, darunter Mike Lynch, seine Tochter Hannah und der Schiffskoch. Die Untersuchung ergab, dass die Passagiere beim Eintreffen des Sturms wahrscheinlich unter Deck schliefen. Vom Verlust des Ankers bis zum Sinken: 20 Minuten. Den Passagieren blieb so gut wie keine Zeit zu reagieren.
Korsika, 18. August 2022: Die Katastrophe von Girolata
Zwei Jahre zuvor traf am 18. August 2022 ein verheerender Sturm Korsika, mit Spitzenböen von 90 Knoten und Geschwindigkeiten bis zu 230 km/h in einigen Gebieten. Neun Menschen starben in diesem Sturm.
Girolata, ein malerischer Ankerplatz an der Westküste Korsikas, wurde zum Schauplatz der Verwüstung. Ein Katamaran-Eigner schilderte, wie er in der Bucht östlich des Dorfes Girolata ankerte – seiner Meinung nach „sehr geschützt”, gestützt auf Vorhersagen, die nordöstliche, auf Nord drehende Winde mit Böen bis 25 Knoten ankündigten.
Die Realität: Allein in dieser Bucht landeten sieben Schiffe an Land. Keines blieb im Wasser vor Anker.
Wracks reihten sich am Ufer aneinander. Der französische Wetterdienst gab eine Sturmwarnung erst wenige Augenblicke vor dem Einschlag heraus – viel zu spät, als dass die Crews den Anker hätten lichten und anderswo Schutz suchen können.
Warum Ankern in Küstennähe besonders gefährlich ist
1. Nähe zu Leeküsten: Reaktionszeit in Minuten
Der Zwischenbericht des MAIB stellte fest, dass die Bayesian mit etwa 1,8 Knoten trieb – rund 56 Meter pro Minute. Stellen Sie sich nun eine Freizeityacht vor, die 100 Meter von Felsen entfernt in einer „geschützten” Bucht ankert und mit derselben Geschwindigkeit treibt:
Zeit bis zum Aufprall: weniger als zwei Minuten – und kaum dreißig Sekunden bei 30 Metern
Vom Schlaf unter Deck bis zur Erkenntnis, dass der Anker schleift, bis zum Anlassen des Motors, bis die Crew an Deck ist, bis zum Versuch, von den Felsen wegzufahren: Wie lange dauert das? Fünf Minuten? Zehn?
Bis Sie merken, dass Sie treiben, stecken Sie womöglich schon in den Felsen.
2. Meteorologische Komplexität in Küstennähe
Das Wetter auf offener See ist relativ berechenbar. An der Küste ist es chaotisch:
- Fallwinde: Kalte Luft beschleunigt an Berghängen abwärts und erreicht das Zwei- bis Dreifache der Vorhersage
- Düseneffekte: Buchten und Täler pressen den Wind zusammen und verdoppeln oder verdreifachen die Geschwindigkeiten
- Konvektive Stürme: Warme Küstengewässer erzeugen lokale Gewitter und Wasserhosen (wie bei der Bayesian)
- Unvorhersehbare Winddreher: Thermische Effekte in Landnähe verursachen plötzliche Richtungswechsel und schwenken ankernde Boote in die Gefahr
Die Vorhersage für Girolata: Böen von 25 Knoten. Die Realität: 90 Knoten. Die Bayesian: vor Anker bei scheinbar ruhigen Bedingungen, getroffen von einer Wasserhose mit über 70 Knoten. Vorhersagen in Küstennähe sind fundierte Schätzungen, keine Garantien.
3. Wellenreflexion und Hafenresonanz
Treffen Wellen auf Küstenbauwerke – Wellenbrecher, Kaimauern, Klippen – werden sie zurückgeworfen und erzeugen komplexe Interferenzmuster, die die Wellenenergie im Hafeninneren über das hinaus steigern können, was draußen herrscht.
Hafenresonanz (Seiches) entsteht, wenn die Wellenperioden mit der Eigenfrequenz des Hafens übereinstimmen. Dabei bilden sich stehende Wellen, die:
- Festmacherleinen reißen lassen
- Schiffe gegeneinander und gegen Kaimauern stoßen lassen
- Strömungen erzeugen, die stark genug sind, um Anker loszureißen
Sie ankern in einem „geschützten” Hafen und gehen von ruhigen Bedingungen aus. Der Sturm kommt. Reflektierte Wellen und Resonanz erzeugen im Hafen ein Chaos, das schlimmer ist als die offene See davor.
Das Paradox vom haltenden Anker: Sie glauben, er hält – bis er es nicht mehr tut
Schleifenden Anker erkennen – oder nur normales Schwojen?
Ob der Anker schleift oder das Boot normal um den Anker schwojt: Beides hat denselben sichtbaren Effekt – das Boot bewegt sich.
GPS-Ankeralarme arbeiten meist mit einem Kreisradius von 50 Fuß. Doch ankernde Boote schwoien naturgemäß 20 bis 30 Fuß weit, wenn Wind und Strömung drehen. Daraus ergeben sich zwei Probleme:
- Fehlalarme: Das normale Schwojen löst den Alarm aus, die Crew prüft, findet nichts und legt sich wieder schlafen
- Alarmmüdigkeit: Nach drei Fehlalarmen in einer Nacht wird der vierte Alarm – der echte – ignoriert oder stummgeschaltet
Moderne GPS-Systeme geben eine Genauigkeit von 50 Fuß an, doch GPS-Fehler, schwankende Satellitensignale und atmosphärische Bedingungen können Positionssprünge von 10 bis 20 Fuß verursachen, selbst wenn das Boot stillsteht.
Das Ergebnis: Allein mit GPS können Sie normales Schwojen nicht zuverlässig von beginnendem Schleifen unterscheiden.
Nachlassende Kettenlänge und plötzliches Versagen
Sie ankern in 5 Meter Wassertiefe mit 35 Meter Kette: ein Verhältnis von 7:1 – ausgezeichneter Halt. Dann:
- Die Flut steigt um 2 Meter → Tiefe nun 7 m, Verhältnis nur noch 5:1 (Haltekraft verringert)
- Der Wind nimmt von 15 auf 30 Knoten zu → Last auf dem Anker vervierfacht (Kraft = Geschwindigkeit²)
- Der Zugwinkel am Anker versteilt sich von 8° auf 25° → die Haltekraft bricht plötzlich zusammen
Die 25-Grad-Klippe
Untersuchungen zeigen: Die Haltekraft eines Ankers nimmt mit steigendem Zugwinkel stetig ab und bricht bei 25 Grad schlagartig zusammen. Es gibt keine allmähliche Vorwarnung – der Anker hält, hält, hält und reißt sich dann plötzlich los und schleift. Wenn Sie es bemerken, ist es zu spät, mehr Kette zu stecken.
Sichtkontrolle: Die Methoden, die niemand nutzt
Klassische Ankerlehrbücher empfehlen:
- Peilungen zu festen Landmarken zu nehmen, sobald man ankert, und sie regelmäßig zu überprüfen
- Auf „rucken” der Kette zu achten (lose, dann straff, dann wieder lose) – ein Zeichen, dass der Anker überspringt
- Ankerwache zu halten, mit jemandem an Deck, der die Position überwacht
Die Realität auf Freizeitbooten:
- Peilungen werden einmal beim Ankern genommen und nie wieder kontrolliert
- Die Kette ist nachts unsichtbar, und ohnehin schaut niemand nach ihr
- Die ganze Crew schläft unter Deck, eine GPS-Alarm-App ist der einzige „Wachhabende”
Die Bayesian hatte eine Berufscrew. Sie schlief. Die Boote in Girolata hatten erfahrene Segler. Sie schliefen. Die Boote vor Formentera hatten GPS und Wettervorhersagen. Es half nichts.
Entscheiden unter Stress: Das Dilemma „Sollen wir umankern?”
Die emotionale Tendenz zum Bleiben
Es ist 22 Uhr. Sie liegen seit drei Stunden vor Anker. Die Vorhersage kündigt für die Nacht Böen von 25 bis 30 Knoten an. Die Frage: Fahren wir jetzt los oder bleiben wir?
Jede psychologische Verzerrung drängt Sie zum Bleiben:
- Versunkene-Kosten-Falle: „Wir haben 45 Minuten gebraucht, bis der Anker perfekt saß”
- Optimismusverzerrung: „Gestern hielt er bei ähnlichen Bedingungen auch”
- Status-quo-Verzerrung: Umankern kostet Mühe, Bleiben kostet nichts
- Verfügbarkeitsheuristik: „Wir haben hier schon Dutzende Male problemlos geankert”
- Erschöpfung: Die Crew ist müde, niemand will im Dunkeln den Anker lichten und umankern
Die Segler in Girolata sahen eine Vorhersage von 25-Knoten-Böen und dachten „sehr geschützt”. Sie blieben. Sieben Boote landeten an Land.
Willkürliche Schwellenwerte und Rechtfertigung
Segler stellen willkürliche Entscheidungsregeln auf: „Wir ankern um, wenn die Vorhersage 30 Knoten übersteigt.” Aber warum 30? Warum nicht 28? Oder 25?
Die Bayesian traf es mit über 70 Knoten. Die Boote vor Formentera mit Böen von 100 km/h. Die Boote in Girolata rechneten mit 25 und bekamen 90 Knoten. Sturmvorhersagen in Küstennähe sind extrem unsicher. Ihr Schwellenwert von „30 Knoten” kann mit minimaler Vorwarnung um 40 oder 60 Knoten überschritten werden.
Dann beginnt das Schönreden: „Die Vorhersage sagt 32 Knoten, aber das sind nur Böen, und wir liegen gut, und es ist ja nur für ein paar Stunden …”
Das Mitternachtsproblem
Das schlimmste Szenario: Es ist 2 Uhr nachts. Sie schrecken hoch, weil das Boot heftig stampft. Der Wind heult, der Regen prasselt waagerecht, der Ankeralarm schreit. Das GPS zeigt, dass Sie 20 Meter Richtung Ufer getrieben sind.
Jetzt ist die Entscheidung zehnmal schwerer:
- Umankern im Sturm: gefährlich, schwierig, die Crew erschöpft und desorientiert
- Liegen bleiben: Vielleicht treiben Sie weiter, vielleicht packt der Anker wieder – Sie können es nicht wissen
- Den Ankerplatz verlassen: im Dunkeln, bei Sturm, ohne jede Sicht
Jede Option fühlt sich gefährlich an. Es kommt zur Entscheidungslähmung. Minuten vergehen, während Sie abwägen. Das Boot treibt näher ans Ufer.
Der Zeitpunkt zum Aufbrechen war 22 Uhr, als es sich verfrüht und übervorsichtig anfühlte. Nicht um 2 Uhr nachts, wenn es eine Krise ist.
Das Problem mit der schlafenden Crew: Wer wacht eigentlich?
Die Bayesian-Untersuchung ergab, dass die Passagiere beim Eintreffen des Sturms „wahrscheinlich unter Deck schliefen”. Das ist keine Fahrlässigkeit – es ist gängige Praxis auf jedem Freizeitboot, das vor Anker liegt:
- Eine GPS-Ankeralarm-App läuft auf dem Handy
- Die ganze Crew schläft unter Deck
- Niemand an Deck, keine Sichtüberwachung
- Das Vertrauen, dass der Alarm rechtzeitig jemanden weckt
Die Schwachstellen:
- Der Handyakku ist leer: Der Alarm ertönt nie
- GPS-Fehler lösen Fehlalarme aus: Die Crew schaltet den Alarm genervt stumm
- Der Alarm ertönt, die Crew braucht 2 bis 5 Minuten zum Aufwachen: tief im Schlaf, orientierungslos, begreift die Dringlichkeit nicht
- Die Crew wacht auf, kann die Lage aber nicht beurteilen: dunkel, Regen, kein Ufer zu sehen, GPS-Position unklar
Reaktionszeit, wenn die Bedingungen sich verschlechtern
Vom Schlaf bis zur wirksamen Handlung – wie lange dauert das tatsächlich?
- 2 bis 5 Minuten: aus dem Tiefschlaf erwachen und begreifen, dass der Alarm echt ist und kein Fehlalarm
- 1 bis 2 Minuten: anziehen, Ölzeug greifen, an Deck gehen
- 2 bis 3 Minuten: Lage beurteilen (Position, Wind, nahe Gefahren) und über das Vorgehen entscheiden
- 3 bis 5 Minuten: Motor anlassen, Crew an Deck holen, zum Manöver oder Umankern vorbereiten
Gesamt: 8 bis 15 Minuten vom Alarm bis zur Handlung
Erinnern Sie sich an den Ablauf bei der Bayesian: vom Verlust des Ankers bis zum Sinken in 20 Minuten. Ihre 40-Fuß-Yacht, 50 Meter von Felsen entfernt vor Anker, treibend mit denselben 1,8 Knoten: weniger als eine Minute bis zum Aufprall.
Sie haben keine 15 Minuten. Vielleicht haben Sie nicht einmal 5.
Was wirklich funktioniert (und was nicht)
Was nicht funktioniert:
- Sich allein auf GPS-Ankeralarme verlassen: Fehlalarme, leere Akkus, GPS-Fehler und Verzögerungen bei der Reaktion machen sie als alleinigen Schutz unzuverlässig
- Anker setzen und ohne Überwachung schlafen: eine gefährliche Praxis, die zu zahlreichen Tragödien auf See beigetragen hat
- Willkürliche Windschwellen: „Wir fahren los, wenn die Vorhersage 30 Knoten übersteigt” ignoriert die Unsicherheit der Vorhersage und lokale Effekte
- Annehmen, „geschützte” Ankerplätze seien sicher: Girolata galt als „sehr geschützt”. Sieben Boote landeten an Land.
- Sich auf Sichtzeichen verlassen, die Sie nie sehen werden: ruckende Kette, sich ändernde Peilungen – niemand ist wach, um sie zu beobachten
Was funktioniert:
- Vorab festgelegte Auslösebedingungen: „Übersteigt die Windvorhersage 25 Knoten, fahren wir bei Sonnenuntergang los, ohne Diskussion.” So fällt die Entscheidungslähmung um Mitternacht ganz weg.
- Mehrere Ankerpeilungen dokumentieren: Kompasspeilungen zu 3 oder mehr festen Objekten nehmen, fotografieren und in regelmäßigen Abständen prüfen (Timer stellen)
- Bei grenzwertigen Bedingungen jemand an Deck: nicht unter Deck schlafend. Tatsächlich wachend. Mit Fernglas und funktionierender Taschenlampe.
- Redundante Alarme: GPS + Tiefenalarm (Schleifen in flacheres Wasser) + Sichtpeilungen + UKW-Funk für Wetterupdates
- Reine Kette mit 8:1 oder mehr für Stürme: Der Kettenbauch (Katenarie) hält den Zugwinkel niedrig und maximiert die Haltekraft
- Nächtliches Umankern üben: bei ruhigen Bedingungen den gesamten Ablauf üben – Anker lichten, motoren, Anker neu setzen, im Dunkeln. Stoppen Sie die Zeit. Es dauert länger, als Sie denken.
- Konservative Ankerstrategie: Bei JEDEM Zweifel an Wetter, Halt oder Nähe zu Gefahren – losfahren. Ankern ist keine Pflicht.
Die unbequeme Wahrheit über die Ankerwache
Handelsschiffe halten eine durchgehende Ankerwache: Ein Besatzungsmitglied ist körperlich auf der Brücke und überwacht rund um die Uhr Position, Wetter und Schiffe in der Nähe. Freizeitboote verlassen sich auf GPS-Apps und schlafende Crews. Das sind keine vergleichbaren Risikoprofile. Wenn die Bedingungen es rechtfertigen, sich um schleifenden Anker zu sorgen, dann rechtfertigen sie auch, dass jemand wach an Deck ist – statt unter Deck zu schlafen und auf Elektronik zu vertrauen.
Die Statistik, die uns fehlt
Die US-Küstenwache verzeichnete in ihrer Freizeitschifffahrts-Statistik für 2024 556 Todesfälle und 3.887 Vorfälle. Doch sie weist die Opfer beim Ankern nicht gesondert aus. Wir wissen, dass „unsachgemäßes Ankern” als beitragender Faktor erfasst wird, aber die Daten sagen uns nicht:
- Wie viele Boote den Anker schleifen lassen und neu setzen, bevor sie das Ufer treffen (Beinaheunfälle)
- Wie viele Crews um 3 Uhr nachts aufwachen, bei zunehmendem Wind umankern und es nie melden
- Wie viele Strandungen als „Navigationsfehler” verbucht werden, obwohl die wahre Ursache ein schleifender Anker war
- Wie hoch der Anteil der Ankerunfälle ist, der sich nachts statt tagsüber ereignet
Die Bayesian machte international Schlagzeilen, weil Milliardäre starben. Über die Katastrophe vor Formentera wurde berichtet, weil Dutzende Boote gleichzeitig an Land getrieben wurden. Aber der Einhandsegler, dessen Boot um 3 Uhr nachts in einer abgelegenen griechischen Bucht auf Felsen treibt? Das ist vielleicht eine einzige Zeile in den Unfallmeldungen – wenn es überhaupt gemeldet wird.
Wir fliegen blind und treffen unsere Ankerentscheidungen auf Basis von Anekdoten und Optimismus statt auf Basis von Daten.
Die Lehre aus der Bayesian
Wenn eine 56 Meter lange Superyacht mit Berufscrew, moderner Ausrüstung und Wettervorhersage in einem Sturm ihren Anker verlieren und in 20 Minuten sinken kann, wobei sieben Menschen sterben – was lässt Sie glauben, dass Ihre 40-Fuß-Yacht mit einem schlafenden Paar und einer GPS-Alarm-App „sicher vor Anker” liegt?
Die Bayesian lag eine halbe Seemeile vor der Küste vor Anker – nicht dicht unter einer Leeküste. Sie hatte eine in Notfallabläufen geschulte Crew. Sie verfügte vermutlich über mehrere redundante Alarme und Überwachungssysteme. Sie sank trotzdem.
Die Segler in Girolata prüften die Vorhersagen, wählten einen „sehr geschützten” Ankerplatz und setzten ihre Anker mit angemessener Kettenlänge. Sieben Boote landeten an Land.
Die Boote vor Formentera hatten Wetterwarnungen. Dutzende landeten trotzdem auf Felsen und an Stränden.
Ankern in Küstennähe, besonders in sturmgefährdeten Gebieten, ist kein sicherer Zustand. Es ist ein kalkuliertes Risiko, das ständige Überwachung, konservative Entscheidungen und eine realistische Einschätzung dessen erfordert, was schiefgehen kann.
Die ehrliche Frage, die sich jeder Segler stellen sollte
Wenn Sie heute Abend Ihren Anker setzen und sich zum Schlafen unter Deck legen, fragen Sie sich:
- Wenn der Wind um 2 Uhr nachts auf 40 Knoten auffrischt, wie lange dauert es, bis ich aufwache?
- Wenn mein Anker schleift, wie viel Abstand habe ich bis zum Ufer?
- Bei einer typischen Drift von 1-2 Knoten, wie viele Minuten bleiben bis zum Aufprall?
- Kann ich in dieser Zeit realistisch aufwachen, die Lage beurteilen, entscheiden und handeln?
- Setze ich mein Leben und das meiner Crew darauf, dass nichts schiefgeht?
„Sicher vor Anker” ist kein dauerhafter Zustand, den man einstellt und dann vergisst. Es ist eine vorübergehende Lage, die sich in Minuten ändern kann – oft, während Sie schlafen. Der gefährlichste Ankerplatz ist der, an dem Sie sich vollkommen sicher glauben. Denn dann hören Sie auf zu beobachten, hören Sie auf zu hinterfragen und beginnen zu vertrauen, dass schon alles gutgeht.
Die Überlebenden der Bayesian glaubten um 01:58 UTC, „sicher vor Anker” zu liegen. Eine Minute später war alles anders.





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